zum Inhalt springen

I. Geschichte des Instituts für Strafrecht und Strafprozessrecht (ISS)*

1. Die Anfänge als Kriminalwissenschaftliches Institut (KWI)

Das Institut für Strafrecht und Strafprozessrecht (ISS) gehört zu den ältesten und traditionsreichsten Instituten der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln. Bereits kurz nach seiner Berufung im Jahr 1920 begann der Strafrechtswissenschaftler und Rechtsphilosoph Arthur Baumgarten1 die Planungen für ein Institut, das sich mit innovativen Methoden einem breiten – Kriminalbiologie und -soziologie umfassenden – Forschungsprogramm widmen sollte.2 Gegründet wurde das Kriminalwissenschaftliche Institut (KWI) im Jahr 1923 schließlich von Gotthold Bohne.3 Neben den klassischen Gebieten der Strafrechtspflege förderte er die Verbindung von Strafrecht und Psychoanalyse und forschte auf den Gebieten Kriminalistik, Kriminalbiologie und Strafrechtsgeschichte.4 Mit Recht heißt es in einem Nachruf, er habe Forschung und Lehre der gesamten Strafrechtswissenschaft gedient und gelebt.5 Bohne war zwei Mal Dekan der rechtswissenschaftlichen Fakultät in den Jahren 1926-27 und 1934-35. Seine bereits in den 1920er Jahren begonnene, vom Marburger Programm Franz von Liszts inspirierte Forschung zur Kriminalbiologie und Eugenik setzte er nach 1933 unbeirrt von den veränderten politischen Rahmenbedingungen und durchaus angepasst fort. So rechtfertigte Bohne das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ mit „rassehygienischen“ Gründen.6 Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte er mit Hans Carl Nipperdey und Ottmar Bühler der von der britischen Militärregierung zusammengerufenen Verfassungskommission der Universität zu Köln an. Von 1949-51 wählte man Gotthold Bohne zum Rektor der Universität zu Köln.

2. Die Nachkriegszeit

In der Nachkriegszeit kam der Strafrechtsdogmatiker und Kriminologe Richard Lange an das Institut. Lange war mit Unterbrechungen zwischen 1936 und 1938 an der Berliner Universität als Assistent tätig.7 Im Jahr 1940 wurde er auf eine Professur an der Universität Jena berufen, obwohl er nicht habilitiert war. Dabei dürfte seine Kommentierung des „Blutschutzgesetzes“ von 1935, ein Meilenstein bei der zunehmenden Ausgrenzung und Entrechtung jüdischer Bürger, in dem von seinem Lehrer Kohlrausch herausgegebenen StGB-Kommentar geholfen haben.8 Lange galt als ein nationalsozialistisch ausgerichteter, im NS-Sinne zukunftsweisender Hochschullehrer,9 dessen Einsatz für die nationalsozialistische Idee von keinem geringeren als Martin Bormann, dem Leiter der Partei-Kanzlei, attestiert wurde.10 Dessen ungeachtet konnte Lange – wie so viele – nach 1945 seine Karriere fortsetzen. 1946 wurde er in der sowjetischen Besatzungszone zunächst Präsident der Thüringischen Landesversammlung. Nachdem er Rufe an die Humboldt-Universität zu Berlin und die Universität Leipzig abgelehnt hatte, ging er 1949 an die Freie Universität Berlin. 1951 wechselte er schließlich an die Universität zu Köln. Dabei half die Fürsprache des Staats- und Verwaltungsrechtslehrers Hans Peters, der während der NS-Zeit dem Kreisauer Kreis und anderen Widerstandsgruppen angehörte und nur mit Glück überlebte.11 In seiner Kölner Zeit beschäftigten Lange vor allem das Wirtschafts-, Arzt- und Staatsschutzstrafrecht sowie die Kriminologie. Er war Mitglied der Großen Strafrechtskommission, welche die Große Strafrechtsreform der späten 1960er und frühen 1970er Jahre vorbereitete,12 und wurde in den 1970er Jahren für das Amt des Generalbundesanwalts vorgeschlagen. 1961 nahm Dietrich Oehler einen Ruf an die Universität zu Köln an.13 Im Kriminalwissenschaftlichen Institut baute er die Abteilung für Ausländisches und Internationales Strafrecht auf, die er ein Vierteljahrhundert lang leitete. Als Gutachter für den Deutschen Bundestag und durch die Mitarbeit in internationalen Institutionen sowie durch seine zahlreichen Abhandlungen zu verschiedensten strafrechtlichen Themen, insbesondere zur Strafrechtsdogmatik und zum internationalen Strafrecht, nahm er großen Einfluss auf Rechtspolitik, -gestaltung und -anwendung. Mit seinem Lehrbuch zum Internationalen Strafrecht hat Oehler Maßstäbe gesetzt.

3. Das Institut zwischen den 1970er und 1990er Jahren

Auch der Strafrechtstheoretiker Ulrich Klug prägte das Institut in den 1960er und 1970er Jahren. Man hat Klug zu jenen Nachkriegsintellektuellen gezählt, deren Bemühungen in einem Liberalisierungsprozess mündeten, der einen „geradezu atemverschlagenden Wandel von Staat, Gesellschaft, Politik und Kultur in Westdeutschland bewirkte.“14 Als Mitglied des berühmten Kreises der „Alternativ-Professoren“ begleitete er die Große Strafrechtsreform zunächst in der Wissenschaft. Später wirkte er als Justizstaatssekretär des Landes Nordrhein-Westfalen sowie als Justizsenator der Hansestadt Hamburg, bevor er wieder an die Universität zu Köln zurückkehrte. Überregionale Bekanntheit erlangte auch Günter Kohlmann, nicht nur als Pionier des Steuerstrafrechts, sondern auch als Prozessvertreter in den großen Wirtschaftsstrafverfahren der 1970er, 1980er und frühen 1990er Jahre.15
Von 1974 und über seine Emeritierung hinaus verband man das Institut vor allem mit dem Strafrechtsdogmatiker Hans Joachim Hirsch, der in zahlreichen grundlegenden Abhandlungen das Strafrecht in seiner ganzen Breite bearbeitet hat.16 Sein herausragendes Bemühen um den grenzüberschreitenden strafrechtswissenschaftlichen Dialog bereicherte das Institut um die Kultur des internationalen Austausches, eine Kultur, die auch in der Gegenwart intensiv gepflegt wird. Hans Joachim Hirsch sind national und international höchste Ehrungen zuteil geworden. 

4. Berühmte Schüler des Instituts

Hans Joachim Hirsch war Schüler eines der international bedeutendsten Strafrechtswissenschaftler des 20. Jahrhunderts: Hans Welzel, der sich als Schüler Gotthold Bohnes in Köln habilitierte.17 Welzel gilt als einer der national und international einflussreichsten Rechtswissenschaftler des 20. Jahrhunderts.18 Er prägte die Verbrechenslehre in Deutschland sowie in zahlreichen Ländern Südeuropas, Lateinamerikas und Ostasiens, er beeinflusste die Rechtsprechung des BGH in zentralen Fragen und gestaltete als einflussreiches Mitglied der Großen Strafrechtskommission auch das heutige StGB. Ebenfalls in Köln habilitierte sich Karl Peters, der als Experte für Strafverfahrensrecht, Jugendstrafrecht und Strafvollzugsrecht internationale Bekanntheit erlangte. Schüler Richard Langes war Dieter Meurer, der in Marburg Strafrecht und Rechtsphilosophie lehrte und zu den Pionieren der Rechtsinformatik gehört.


II. Das heutige Forschungsprofil des ISS


Wie in den vergangenen neun Jahrzehnten erforscht das ISS auch heute das Strafrecht und Strafprozessrecht in seiner ganzen Breite. Dabei ist die seit den Anfängen des Instituts typische – geographische und fachliche – Grenzüberschreitung ein profilbildendes Merkmal geblieben: Dem Völkerstrafrecht, dem Europäischen Strafrecht und der Rechtsvergleichung gelten besondere Aufmerksamkeit in Forschung und Lehre. Interdisziplinarität am ISS heißt heute, rechtsphilosophische und rechtshistorische Erkenntnisse für aktuelle kriminalpolitische und dogmatische Fragestellungen fruchtbar zu machen. Zudem verlangen gerade das Wirtschafts- und Medizinstrafrecht nach einer intradisziplinären Arbeitsweise, die außerstrafrechtliche Primärnormen mit strafrechtlichen Zurechnungsregeln verknüpft.
Wie ihre Vorgänger so sind auch die heute am ISS forschenden und lehrenden Wissenschaftler in vielfältiger Weise mit der Praxis verbunden: Sie fungieren als Sachverständige in Gesetzgebungsverfahren, beraten (deutsche und ausländische) Regierungen und internationale Organisationen, wirken als Gutachter, Verteidiger oder Nebenklagevertreter in Strafverfahren mit und lassen diese praktischen Erfahrungen in ihre Forschung und Vorlesungen einfließen.
Ein besonderer Grund zur Freude für alle am ISS Tätigen ist die große Beliebtheit, derer sich das ISS mit seiner reich ausgestatteten Bibliothek und frisch renovierten Räumlichkeiten bei Studentinnen und Studenten erfreut. Ob Sie als Student(in), Nachwuchs- oder Gastwissenschaftler(in) zu uns kommen – wir freuen uns auf Ihren Besuch!

 

_____________________________________________________________________________________

 

* Verfasst von Prof. Dr. Michael Kubiciel – Der Text stützt sich, wie die Nachweise zeigen, auf die Quellenarbeit Dritter. Diese lässt Raum für weitere wissenschaftliche Untersuchungen, etwa zur Anfangszeit des Instituts und den Jahren 1933-45. Daher sind rechtshistorisch Interessierte herzlich eingeladen, sich zur Absprache eines einschlägigen Promotionsprojektes an einen der am ISS lehrenden Professoren zu wenden. 
[1] Zu Baumgarten Irrlitz, in: Augsberg/Funke (Hrsg.), Kölner Juristen im 20. Jahrhundert, 2013, S. 101 ff.
[2] Näher H.-J. Becker, Festschrift der Rechtswissenschaftlichen Fakultät zur 600-Jahr-Feier der Universität zu Köln, 1988, S. 3, 14 ff., insbes. S. 18.
[3] Seit der Gründung des Instituts für Kriminologie im Jahr 2004 firmiert das Kriminalwissenschaftliche Institut an der Universität zu Köln als Institut für Strafrecht und Strafprozessrecht.
[4] Zu Bohne Lange, in: Kölner Universitätsreden 19 –  Gotthold Bohne (25. Juli 1890 bis 28. August 1957) zum Gedächtnis, 1958, S. 9, 11 ff.
[5] Lange, ZStW 69 (1957), S. 500.
[6] Dillmann, in: Blaschke et. alt. (Hrsg.), Nachhilfe zur Erinnerung. 600 Jahre Universität zu Köln, 1988, S. 98, 103.
[7] Die verbreitete Schilderung (Spendel, Recht und Politik, 1997, S. 38 ff.; Jescheck ZStW 1996, S. 1), politische Gründe hätten bald nach seiner Promotion (1935) zu einer Vertreibung Langes von der Berliner Fakultät geführt, findet in der auf Dokumenten beruhenden detaillierten Darstellung der Abläufe von Gräfin von Lösch (Der nackte Geist. Die juristische Fakultät der Berliner Universität im Umbruch von 1933, 1999, S. 348 ff., 350, Fn 604) keine Stütze: Vielmehr gab es wohl einen ganz normalen Stellenengpass am Lehrstuhl Kohlrauschs.
[8] Opitz, Die Rechts- und wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, in: Hoßfeld u.a. (Hrsg.), Kämpferische Wissenschaft. Studien zur Universität Jena im Nationalsozialismus, 2003, S. 471, 486. Bei neutral-wissenschaftlich gehaltenem Duktus finden sich schon bei oberflächlicher Sichtung der Veröffentlichungen Langes aus den Jahren 1935 bis 1945 eindeutig nationalsozialistische Bewertungen, vgl. etwa Täterschuld und Todesstrafe, ZStW 62 (1944), S. 175 ff. – Für den Hinweis auf diese und die folgenden Texte in dem Werk Hoßfelds dankt der Verf. Andrej Umansky (Lehrstuhl Nestler) sehr herzlich.
[9] Schwan, Peter Petersen und der Nationalsozialismus, in: Hoßfeld u.a. (Fn. 8), S. 822, 837.
[10] Klingemann, Wissenschaftsanspruch und Weltanschauung, in: Hoßfeld u.a. (Fn. 8), S. 679, 696.
[11] Dazu Kersten, in: Augsberg/Funke (Fn. 1), S. 211, 214 ff.
[12] Oehler, in: Warda et alt. (Hrsg.), Festschrift für Richard Lange zum 70. Geburtstag, 1976, S. XV, XVI. S. ferner Meincke, in: Verein zur Förderung der Rechtswissenschaft Köln (Hrsg.), Richard Lange zum Gedächtnis, 1995, S. 5, 6.
[13] Dazu und zum Folgenden Herzberg, in: ders. (Hrsg.) Festschrift für Dietrich Oehler, 1985, S. V f.; Weigend, NJW 2006, S. 1042.
[14] So Pawlik, in: Augsberg/Funke (Fn. 1), S. 225, 242.
[15] Zu Günter Kohlmann H.J. Hirsch, in: ders./Wolter/Brauns (Hrsg.). Festschrift für Günter Kohlmann, 2003, S. 1 ff.; P. Kohlmann, Günter Kohlmann – Ein Juristenleben, 2013, S. 77 ff.
[16] Zum Leben und Werk Hans Joachim Hirschs Küpper, in: Verein zur Förderung der Rechtswissenschaft Köln (Hrsg.), Akademische Feier aus Anlaß der Überreichung einer Festschrift zum 70. Geburtstag von Hans Joachim Hirsch, 1986, S.  9 ff.
[17] Zu Hans Welzel H.J. Hirsch, ZStW 116 (2004), S. 1 ff.; Loos, JZ 2004, S. 1115 f.
[18] Umfassend dazu Kubiciel/Pawlik/Stuckenberg (Hrsg.), Die Verbrechenslehre Hans Welzels. Philosophische Grundlagen, dogmatische Durchführung, internationale Wirkung, erscheint Ende 2014 bei Mohr Siebeck.